Milch, Weizen, Zucker – Wie natürlich ist Paleo wirklich?

Heute mal wieder eine interessante Unterhaltung gehabt. Eine Kollegin hat in der Pause davon erzählt, dass sie ein Buch über Ernährung gelesen hat. In diesem Buch wurde erklärt, dass Menschen sich heute nicht mehr artgerecht und natürlich ernähren. Verteufelt wurden die üblichen Verdächtigen, gesprochen haben wir über Zucker, Milch, Weizen und generelle artgerechte Ernährung. Über Zucker habe ich mich hier schon ausführlich ausgelassen. Aber was ist wirklich artgerecht? Wie nah kommt Paleo tatsächlich an die Ernährung unserer Vorfahren ran?

Wie das oft so ist, fielen mir einige Gedanken erst im Nachhinein ein. Manches davon will ich euch hier mal aufzeigen.

1. Argument: Der Mensch sei das einzige Lebewesen, das nach dem Säuglingsalter noch Milch trinkt

…und Menschen, die Milch vertragen, könnten das nur aufgrund einer Mutation. „Normale“ Menschen seien immer Laktoseintolerant und das sei ein klares Zeichen dafür, dass Milch und Milchprodukte nicht verzehrt werden dürften. Außerdem sei Milch von einem anderen Lebewesen ebenfalls unnatürlich.

Dieser Gedanke ist wirklich interessant. Tatsächlich ist der Mensch das einzige Lebewesen, das auch im ausgewachsenen Stadium noch Milch oder verwandte Produkte zu sich nimmt. Allerdings ist der Mensch auch das einzige Lebewesen, das Schuhe und Kleidung trägt. Es ist das einzige Lebewesen, das in Backsteinhäusern lebt. Letztlich sind wir auch die einzigen Lebewesen, die ihre Nahrung vor dem Verzehr erhitzen. Sollten wir auf all das auch verzichten? Und wer entscheidet überhaupt, welche der Dinge, die wir als einzige machen, gut oder schlecht sind?

Wir sind in vielerlei Hinsicht die einzige Gattung auf der Welt, die bestimmte Dinge – ob in der Ernährung oder in anderer Hinsicht – als einzige macht. Geschadet hat uns das nicht. Wir stehen rein biologisch an der Spitze der Nahrungskette und haben das logischste Denkvermögen aller Lebewesen. Womöglich hängt das nicht unmittelbar mit Milchkonsum zusammen, geschadet hat er aber in den letzten tausend Jahren anscheinend auch nicht.

Schließlich ist auch das Mutationsthema recht interessant. Ob der laktoseintolerante oder der andere Zustand der „normale“ ist, will ich garnicht beurteilen, weil dieser Fakt vollkommen irrelevant ist. Mutationen sind ein ganz normaler Vorgang. Nur durch Mutationen haben wir uns erst zum Menschen entwickelt. Nur Mutationen sorgen dafür, dass wir natürliche Schwächen auf natürlichem Wege loswerden. Das heißt: selbst wenn die Fähigkeit mit Laktose umgehen zu können nur eine Mutation wäre – inwiefern macht es das schlecht? Inwiefern ist die genetische Anpassung, die zur Auslöschung einer Schwäche führt, etwas Schlechtes?

Milch kommt mit dem hochwertigsten Aminosäurenprofil aller Lebensmittel daher und wurde jahrzehntelang als Kalziumlieferant benutzt um Kalziummangel zu heilen und hat dies sogar erfolgreich geschafft. Heute heißt es mancherorts, dass Milch dem Körper eigentlich Kalzium entziehen würde. Wie die Krankheiten dann früher geheilt wurden, bleibt offen.

Am Ende kann man nur sagen, wenn du Milchprodukte magst und nicht laktoseintolerant bist, dann – um Gottes Willen – iss sie einfach. Lass‘ dir von niemandem Angst vor irgendwelchen Lebensmitteln machen, nur weil mal wieder irgendwer denkt, er hätte die Weisheit gepachtet. Es ist der große Vorteil des Menschen, dass er mit den verschiedensten Lebensmitteln auskommt.

2. Argument: Weizen oder Körner hatte der Steinzeitmensch auch nicht. Der Konsum davon ist für den Körper unnatürlich.

Ich hasse mittlerweile wirklich die Vorstellung der „natürlichen“ Ernährung. Mich würde mal interessieren woher eigentlich  jeder wissen will, was unsere Vorfahren gegessen haben. Sie können zwar selten beantworten, wie weit der Steinzeitmensch zurückliegt und wie das sonstige Leben war – aber was sie gegessen haben, das wissen komischerweise alle. In Wahrheit haben die meisten nur eine vage Vorstellung, die sie für die Wahrheit halten. Es ist absolut schwachsinnig zu sagen, dass alles, was über die Lebensmittel aus der Steinzeit hinausgeht, automatisch schlecht für uns ist.

Weizen allein besitzt ein eher unwichtiges Aminosäurenprofil, wenig bis kein Fett und ein hohes Maß an Kohlenhydraten. Erwähnenswert ist Weizen vor allem für Vegetarier und Veganer, denn es ist in der Lage, die biologische Wertigkeit pflanzlicher Lebensmittel schlagartig zu erhöhen. Deshalb als Tipp für alle Veggies: ein-zwei Scheiben Weißbrot zum Essen erhöhen euer Muskelwachstum enorm. Klar, Weizen führt zu einem riesigen Insulinausstoß, aber das macht die Kartoffel auch und dort zweifelt niemand an der gesunden Wirkung auf unseren Körper.

3. Argument: Eigentlich ist nur die Paleo Ernährung wirklich gut für den Körper.

Zugegeben, die Paleo Ernährung ist mit Sicherheit zumindest schonmal eines nicht: ungesund. Wäre ich gezwungen, mich für eine der tausend Ernährungsweisen zu entscheiden, würde ich wahrscheinlich Paleo wählen. Glücklicherweise muss ich das aber nicht, das muss niemand. Niemand muss sich in der Auswahl seiner Lebensmittel einschränken. Aber fangen wir mal vorne an.

Bei Paleo handelt es sich um eine Ernöhrungsweise, bei der man versucht, das Essen der Steinzeitmenschen nachzuahmen. Hintergrund ist die Überlegung, dass wir uns millionen Jahre lang an die Ernährung der Steinzeit gewöhnt haben und sich unser Körper daher evolutionär daran gewöhnt hat. Demgegenüber stehen wenige tausend oder sogar nur hundert Jahre mit Essen im Überfluss und verarbeiteten Lebensmitteln. Unser Körper hätte sich daran noch nicht gewöhnt und würde deshalb oft mit Krankheiten reagieren.

Okay. Fangen wir mal an zu zerlegen warum das wissenschaftlich nicht ganz haltbar ist. Die Ernährung unserer Vorfahren ist nicht ganz so romantisch gewesen, wie die Paleo Anhänger sie sich vorstellen.

Der Steinzeitmensch hatte zwei große Kalorienquellen: Tiere und.. andere Menschen. Ja, der Steinzeitmensch war ein Kannibale. Ob er sich nur an toten Menschen gesättigt hat, oder zu diesem weck sogar tötete, steht nicht fest. Fest steht aber: Menschenfleisch stand auf dem Speiseplan.

Der zweite Punkt: es gab keinen Gourmetkoch, der das Fleisch filetiert hat.  Fleisch wurde lange Zeit direkt aus dem toten Körper der Beute verspeist. In diesem Zusammenhang hat man außerdem große Mengen Fett und sämtliche Arten der Innereien und Organe gegessen. Die Beutekörper wurden restlos ausgeweidet, denn man wusste nie, wann es mal wieder etwas gibt.

Darüberhinaus gab es kein gereinigtes Fleisch. Zusammen mit der Beute wurden große Mengen Blut verzehrt.

De Steinzeitmensch hatte keinen Weg, Nahrung zu konservieren. Das heißt, man aß Beute restlos auf. Das bedeutet, dass man auch gut und gerne mal 4-5 Kilo Fleisch pro Portion gegessen hat.

So, das war jetzt mal nur ein kleiner Denkanstoß über Fleisch. Die „wahre“ Paleo Ernährung, die wirklich „natürlich“ und „artgerecht“ wäre, enthält also Menschenfleisch, Nieren, Zungen, Herzen, große Mengen Fett, Blut und das Kiloweise… und roh.

Das was Paleo als vorgibt zu sein, hat wirklich nichts zu tun mit der tatsächlichen Ernährung unserer Vorfahren. Ohne diese Behauptung bleibt Paleo aber dennoch eine gesunde Art der Ernährung.

 

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